Awareness-Konzept

AWARENESS KONZEPT

Hallo liebe Menschen, die dieses Awareness-Konzept lesen! 

Hinweise

  • Dieses Dokument ist Bestandteil eines dauerhaften Lernprozesses vom Frei(t)raum Projekt und wird kontinuierlich überarbeitet und angepasst. 
  • Über Hinweise, Kritik und Ergänzungen freuen wir uns jederzeit per Mail: frei_t_raum@riseup.net 

  Inhalt

  • Einleitung
  • Awarenessverständnis und Begriffsdefinitionen
  • Konsequenzen und Durchführung
  • Weitervermittlung der betroffenen Person
  • Grundbegriffe
  • Ergänzungen und Bitten

0. Einleitung

FreiTraum versteht sich als klarer Gegenpol zu rechten, rassistischen und sexistischen Ideologien. Unser Ziel ist es, eine solidarische, gerechte und vielfältige Gesellschaft zu schaffen, in der alle Menschen unabhängig von Merkmalen wie Geschlecht, Rassifizierung, sexueller Orientierung, Religion, Alter, sowie körperlichen oder kognitiven Merkmalen und sozio-ökonomischen Lebensbedingungen respektiert und gleichberechtigt behandelt werden. 

Dazu braucht es ein Bewusstsein (‚Awareness‘), dass es strukturelle Ungleichheiten in unserer Gesellschaft gibt und dass Diskriminierungs-Erfahrungen nicht bloß tragische Einzelfälle sind. Ganze Gruppen werden an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt.

Wir wollen einen Raum schaffen, in dem wir miteinander lernen, uns vernetzen und unseren Widerstand weiter ausbauen können. Jedem anwesenden Menschen sollte ein barrierearmer Zugang zu Veranstaltungen und gemeinsamem politischem Protest ermöglicht werden.
Jedoch ist kein Mensch vorurteilsfrei und diskriminierungsfrei im Umgang mit anderen. Deshalb muss eine bewusste Reflexion darüber bei jeder einzelnen Person stattfinden.

Während rechte Kräfte auf Ausgrenzung, Nationalismus und autoritäre Machtstrukturen setzen, kämpfen wir für eine solidarische, inklusive und gerechte Gesellschaft. Unser Konzept zielt darauf ab, marginalisierte Gruppen zu stärken, Machtstrukturen abzubauen und einer Vereinzelung durch Diskriminierungs- und Repressionserfahrungen entgegenzuwirken.

Bei emanzipativen, politischen Protesten erleben Menschen immer wieder Repression. Dies ist kein Zufall, sondern soll uns vereinzeln und verhindern, dass wir uns auch in Zukunft organisieren. Wir verstehen unsere Aufgabe darin vor, während und nach Aktionen/Veranstaltungen als Awareness-Team zur Verfügung zu stehen, Betroffene zu unterstützen, der Vereinzelung entgegenzuwirken und Repressionen solidarisch entgegenzustehen. Dabei ist uns bewusst, dass Menschen aufgrund staatlich zugeschriebener Merkmale (wie beispielsweise Nationalität und Aufenthaltstitel) unterschiedlich starker Repression ausgesetzt sind. 

Wir setzen uns bei den Zusammenkünften im Rahmen des FreiTraum-Projekts dafür ein, dass Personen, die Diskriminierung oder andere Formen von Gewalt erleben, nicht gezwungen sind, aus Selbstschutz die Gruppe zu verlassen. Dafür sind wir bei Veranstaltungen konkret als Awareness Team ansprechbar, versuchen aber auch gemeinsam  Strukturen und Räume zu schaffen, um diskriminierende Muster und Verhalten in unserem Raum abzubauen. Wir als Awareness-Team bieten von Diskriminierung betroffenen Personen konkrete Unterstützung an. Was wir nicht leisten (können) ist z.B. Konfliktmanagement, Streitschlichtung oder therapeutische Arbeit.

Awareness-Arbeit wurde in Schwarzen, teilweise queeren, Gemeinschaften entwickelt, die sich nicht auf Staat und Polizei verlassen konnten. Diese Institutionen haben die Ungleichbehandlungen nicht angemessen geahndet, sondern teilweise erst ermöglicht. Wir sind eine vornehmlich weiß positionierte Gruppe von Menschen und deshalb ist es uns wichtig, die Herkunft unserer Arbeits-Prinzipien zu nennen, um die Errungenschaften dieser Gemeinschaften anzuerkennen und zu würdigen anstatt sie uns einfach nur anzueignen. Diese Arbeit machen wir mit dem Wissen, dass wir einen Verlernprozess durchlaufen, der nie abgeschlossen sein wird.

 1. Awarenessverständnis und Begriffsdefinitionen

Unser Ansatz von Awareness ist stets im Wandel – unter anderem da die Sprache, die wir wählen, immer mit gesellschaftlichen Diskursen verknüpft ist. Wird in diesem Text eine Community oder Person durch den jetzigen Stand ausgeschlossen oder diskriminiert, kannst du uns gern darauf aufmerksam machen.

Die folgenden Begriffe und Konzepte sind Grundlage für unser Handeln im Rahmen der Awareness-Arbeit.​​

All diese Konzepte können in ihrer Fülle manchmal erschlagend sein und durch theoretische Begriffe abstrakt oder abschreckend wirken. Dahinter steht immer die Idee, dass Betroffene von Diskriminierung und Gewalt nicht allein gelassen werden sollen, dass Diskriminierung und Gewalt entgegengetreten wird und sie langfristig abgebaut und abgeschafft werden. Dies können wir als Individuen nicht alleine schaffen, Awareness schafft Strukturen und einen Ansatz, wie dem begegnet werden kann.

Vertraulichkeit/Anonymisierung
Wir arbeiten in all unseren Handlungen vertraulich. Das heißt, Menschen die sich an uns wenden, können sich darauf verlassen, dass wir keine Informationen ohne ihre Zustimmung weitertragen. Wenn wir bei einem Fall mit anderen Strukturen oder Personen sprechen, so klären wir mit der betroffenen Person ab, welche Informationen wir wie weitertragen dürfen. Unsere Vertraulichkeit bedeutet auch: Wir kooperieren niemals mit der Polizei und anderen Repressionsbehörden, es sei denn die betroffene Person wünscht sich dies explizit. 

Intersektionalität
Intersektionalität ist ein zentrales Prinzip von Awareness-Arbeit und beschreibt das Zusammenwirken verschiedener Formen der Diskriminierung und Ausgrenzung, die oft gleichzeitig auftreten und in Wechselwirkung miteinander stehen. Intersektionalität hilft uns, die Komplexität von Ungleichheiten in unseren Kämpfen und unserer Awareness-Arbeit zu verstehen. Im Umkehrschluss stellen wir uns außerdem dagegen, dass verschiedene Diskriminierungsformen miteinander aufgewogen werden oder gegeneinander ausgespielt werden.

Definitionsmacht
Awareness-Arbeit legt den Fokus auf die betroffene Person, stellt deren Wahrnehmung nicht in Frage und relativiert diese auch nicht. Die betroffene Person definiert, was ihr*ihm passiert ist. Das heißt nicht, dass mensch das tun muss oder dass mensch das alleine tun muss. Manchmal ändern Betroffene auch die Benennung über die Zeit, vielleicht weil sie zu Anfang nicht wahrhaben wollten, wie krass die Gewalt war, z.T. weil sich nach dem ersten Schock die Gewalt nochmal anders für sie darstellt.

Das Konzept der Definitionsmacht stellt einen Gegenentwurf zum bürgerlichen Rechtssystem dar. Hier befindet sich die betroffene Person, aufgrund der Unschuldsvermutung in einer strukturell schwächeren Position. Während dadurch der Fokus auf dem Beweis für die Schuld der gewaltausübenden Person liegt, rückt die Definitionsmacht die Perspektive und die Bedürfnisse der betroffenen Person ins Zentrum. 

Im Sinne eines feministischen Gewaltbegriffs geht es nicht um das Festlegen vermeintlich objektiver Kriterien, die für bestimmte Gewaltdefinitionen erfüllt sein müssen. Nur die betroffene Person weiß, was mensch erlebt hat, was mensch passiert ist und wie es sich angefühlt hat. Betroffene Personen sollen nicht unter Rechtfertigungsdruck geraten.

Solidarische Parteilichkeit
In unserem Umgang mit betroffenen Personen sind wir immer parteilich. Das bedeutet für uns, wir nehmen die Perspektive der betroffenen Person ein und vertreten diese, falls gewünscht, nach außen gegenüber anderen Personen und Strukturen. Wir tun dies unabhängig davon, was wir als Privatpersonen zu dem Fall und Thema denken. Wir sind bei einem Konflikt zwischen verschiedenen Personen also nicht neutral. Stattdessen bleiben wir auf der Seite der Person, die uns hinzugezogen hat. Wenn sich andere Personen bei einem Konflikt ebenfalls Awareness wünschen, so übernehmen andere Mitglieder aus unserer AG diese Rolle und verhalten sich dann ebenfalls parteilich. Wir verstehen uns nicht als Mediator:innen für persönliche Konflikte. 

Wenn wir uns bei einem Fall nicht in der Lage fühlen, solidarisch parteilich zu arbeiten, so sagen wir dies der betroffenen Person und fragen, ob eine andere Person die Awareness-Rolle übernehmen darf. Selbstverständlich verhalten wir uns nicht parteilich bei Diskriminierungsverhalten, das gegen dieses Awareness-Konzept und -Selbstverständnis verstößt. 

Betroffenenzentrierung
Das Wohl und die Unterstützung der betroffenen Person stehen im Zentrum. Konsequenzen passieren auf Wunsch der Person beziehungsweise mit Einwilligung der betroffenen Person. Bei eklatanten Verstößen gegen dieses Selbstverständnis kann das Awarenessteam auch in enger Abstimmung mit der betroffenen Person selbständig Konsequenzen einleiten (siehe Rote Linien).

Inklusion
Inklusion bedeutet für uns, dass alle Menschen selbstbestimmt und gleichberechtigt an unserem selbstverwalteten Raum teilhaben können. Dafür bemühen wir uns Barrieren abzubauen und Strukturen schaffen, die es allen Menschen ermöglicht sich einzubringen und den Ort aktiv mitzugestalten. Konkret bedeutet das, Plena, Veranstaltungen und Protest so zu gestalten und unterstützend zu begleiten, dass Menschen unabhängig ihrer individuellen Merkmale aktiv sein können. Dafür achten wir auf Barrieren und versuchen diese abzubauen und im Vorfeld sichtbar zu machen, wo dies nicht gelingt. Wir versuchen Veranstaltungen und Plena so zu gestalten, dass sie verschiedenen Bedürfnissen gerecht werden. Unser Ziel ist ein Raum und eine Gesellschaft, in der alle Menschen in ihrer Vielfalt wahrgenommen und respektiert werden.
 

2. Konsequenzen und Durchführung

Um die in den vorherigen Kapiteln beschriebenen Grundlagen unserer Arbeit umsetzen zu können, braucht es einen Umgang mit Situationen, in denen Personen gegen den definierten Konsens der Organisation handeln. Im Folgenden soll der Rahmen für das Vorgehen aus Awareness-Perspektive aufgezeigt werden. 

Wie und wo ist Awareness aktiv?

Awareness-Teams oder -strukturen sind ansprechbar für Menschen, die Grenzüberschreitungen, Gewalt oder Diskriminierung erlebt haben oder ein persönliches Thema haben und sich im Umgang damit Unterstützung wünschen. Hierbei kann es sich um jegliche Wahrnehmung von Machtgefällen (z.B. cis-männliches Dominanzverhalten), Benachteiligung, Ausgrenzung und die Überwindung akuter Trigger (aus dem Englischen „Auslöser“ persönlichen Unwohlseins) handeln. Auch für Menschen, die Polizeigewalt erfahren haben, ist das Awareness-Team ansprechbar.  Im Rahmen von politischen Aktionen verstehen wir Awareness-Arbeit auch als gemeinschaftlich getragene Regulierung des kollekttiven Nervensystems. 

Was passiert bei grenzüberschreitendem Verhalten?

Beim Umgang mit Awareness-Situationen, die weiterem Handlungsbedarf (über die emotionale Unterstützung einer Einzelperson hinausgehend) bedürfen, unterscheiden wir zwischen Awareness-Arbeit in und außerhalb von Aktionen:

In Aktion

Wird während der Besetzung  ein Fall an die Awareness-Struktur herangetragen, wird weiterhin nach den grundlegenden Prinzipien der Awareness-Arbeit gehandelt (Defintionsmacht).  Wenn die Situation es erfordert gibt es die Möglichkeit eines Deli-Plenums, das auf Wunsch der betroffenen Person einberufen werden kann. Das Plenum kann eine Entscheidung über einen möglichen Ausschluss oder das weitere Vorgehen treffen. Dies kann z. B. hilfreich sein, wenn sich besonders schutzbedürftige Personen in Aktion nicht mehr sicher fühlen.

Außerhalb von Aktionen

Bei Fällen außerhalb von Aktionen (bei Plena, Veranstaltungen etc.) sind wir immer ansprechbar und arbeiten betroffenenzentriert. Wir als Awareness-Team bieten von Diskriminierung betroffenen Personen konkrete Unterstützung an. Was wir nicht leisten (können) ist z.B. Konfliktmanagement, Streitschlichtung oder therapeutische Arbeit. Das heißt wir begleiten eine Person in ihrem Prozess, gehen aber nicht in persönliche Klärungs-/Konfliktgespräche bei denen kein Verstoß gegen dieses Awareness Konzept vorliegt, da wir in unserer aktuellen Struktur keine ausreichenden Kapazitäten und Kompetenzen für breitere mediatorische Aufgaben haben.

Rote Linien

Rote Linien stehen für Grenzüberschreitungen, bei denen die Awareness-Struktur selbstständig agiert, auch ohne dass betroffene Menschen auf uns zukommen. Sie stellen sicher, dass Menschen, die eine Gefährdung für andere darstellen, dennoch ausgeschlossen werden können. Rote Linien lassen sich für uns dabei nicht in einer Auflistung konkreter Handlungen vordefinieren.

Daher: Sollte es zu eklatanten Verstößen gegen die im Awareness-Konzept dargelegten Grundwerte unseres Projekts oder den Aktionskonsens kommen, so wird das Awareness Team auch ohne Ansprache durch eine betroffene Person aktiv. Die Auslegung, ab wann etwas ein eklatanter Verstoß ist, obliegt dem gerade aktiven Awareness-Team.

Einbeziehung der Bündnis-Strukturen
Das FreiTraum-Haus versteht sich auch als Raum für Vernetzung- und Bündnisse.
Sollte eine Person aufgrund ihres Verhaltens von einer Veranstaltung ausgeschlossen werden, ohne dass dabei rote Linien überschritten wurden, wollen wir verhindern, dass eine ganze Bündnis-Struktur das Gefühl bekommt, nicht mehr im FreiTraum-Projekt willkommen zu sein.
Deshalb möchten wir mit der entsprechenden Struktur direkt in die Kommunikation gehen ob und wie eine weitere Zusammenarbeit stattfinden kann und welche Prozesse dafür nötig sind.


Weitervermittlung

Das Awareness-Team hat Kontakte/Informationen für weitergehende Anlaufstellen im Akutfall und zur Nachberatung, welche an betroffene Personen weitergegeben werden können.
 

3. Grundbegriffe

Rassismus

Rassismus ist eine Ideologie der Unterdrückung, die eine „Rangordnung“ von Menschen unterstellt und Menschen nach vermeintlich biologischen und/oder kulturellen „Kriterien“ als „minderwertig“ oder „fremd“ verurteilt. Rassistische Argumentationen dienen dazu, weltweite Macht- und Herrschaftsverhältnisse abzusichern und zu rechtfertigen. Rassismus wirkt auf verschiedenen Ebenen: strukturell, institutionell und alltäglich. Rassismus verhindert die gleichberechtigte Teilhabe von BIPoC (siehe unten) an gesellschaftlichen, sozialen und politischen Belangen.

Es gibt verschiedene Formen von Rassismus: Muslim:innenfeindlichkeit, Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja, Ethnopluralismus, anti-Schwarzer Rassismus. Eine Unterart ist der kulturelle Rassismus, der immer dann vorliegt, wenn Lebensgewohnheiten, Sitten und Bräuche als negativ und der eigenen Kultur unterlegen bewertet werden.

Insbesondere in Aktionen sind Menschen aufgrund von Rassismus anderen Repressionsleveln ausgesetzt. Dies versuchen wir gemeinschaftlich abzufedern und insbesondere als Awareness-Personen in und neben der Aktion besonders im Fokus zu haben.

Die Auseinandersetzung mit Rassismus ist nicht nur der Kampf gegen institutionelle und strukturelle Diskriminierung, sondern auch eine Frage der Reflexion eigener Rassismen und Privilegien. 

BiPoC*

BIPoC* steht für Black, Indigenous, People of Color und ist eine analytische und politische Selbstbezeichnung. Der Stern verweist auf jene Menschen mit Rassismuserfahrungen, die sich nicht mit den im Akronym enthaltenen Begriffen identifizieren. Der Begriff gibt Menschen mit Rassismuserfahrungen eine Community und Raum für Aktivismus, Schutz und Empowerment. Gleichzeitig macht er die Vielfältigkeit von Rassismuserfahrungen unterschiedlicher Menschen sichtbar und ermöglicht solidarische Bündnisse über die Grenzen marginalisierter Communitys hinweg.

Schwarz und Schwarz-Sein

Schwarz ist eine Selbstbezeichnung und wird großgeschrieben. Der Begriff markiert eine von Rassismus betroffene gesellschaftliche Position. Er ist ein Ergebnis der Kämpfe der Schwarzen deutschen Frauen(-bewegung). Damit wurde der Grundstein für eigenständige Schwarze Räume und die Selbstorganisation Schwarzer Communitys in Deutschland gelegt. Die Selbstbezeichnung ist ebenfalls ein entscheidender Schritt für Prozesse der individuellen und gesellschaftlichen Dekolonisierung.

weiß und weißsein

Der Begriff „weiß“ bezeichnet keine biologischen Eigenschaften, sondern die speziellen Machterfahrungen von Menschen und Gruppen, die sich dieser Macht oft nicht bewusst sind. Er wird klein und in kursiv geschrieben.
Weißsein ist innerhalb des gesellschaftlichen Machtverhältnisses Rassismus eng an soziale, politische und kulturelle Privilegien geknüpft. Im Hinblick auf die Partizipation an gesellschaftlichen Ressourcen profitieren Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind – und zwar unabhängig davon, wie sie persönlich zu diesen Ideologien stehen.

Antimuslimischer Rassismus

Antimuslimischer Rassismus ist die DNA der AfD und wird durch die Politik der Regierung gestärkt. Das sehen wir unter Anderem in migrationsfeindlichen Debatten, Abschiebungen und rassistischer Polizeigewalt bei Pro-Palästina-Demonstrationen.

Antisemitismus
Als Kollektiv stellen wir uns in unseren Aktivitäten und Strukturen entschlossen gegen Antisemitismus.

Antisemitismus ist die Unterdrückung und Abwertung von Juden* und Jüdinnen* als Kollektiv sowie des Judentums. Diese äußert sich bei Einzelnen als Vorurteil, in der Kultur als Mythen, Ideologie, Folklore und in der Bildsprache, sowie in Form von individuellen oder kollektiven Handlungen – soziale oder gesetzliche Diskriminierung, politische Mobilisierung gegen Juden* und Jüdinnen*, und als kollektive oder staatliche Gewalt –, die darauf zielen, sich von  Juden* und Jüdinnen* als  solche zu distanzieren, sie aufgrund ihrer Religion zu vertreiben oder zu vernichten.

In Deutschland ist der Antisemitismusbegriff derzeit umkämpft und wird von Menschen unterschiedlich umfassend wahrgenommen.

FLINTA* und Geschlechtergerechtigkeit
FLINTA* steht für Frauen, Lesben, inter*, nicht-binäre, trans* und agender Personen. Damit sind explizit alle Menschen gemeint, die nicht endo-cis-männlich1 sind. Der Stern öffnet den Raum für Menschen nichtgenannter Identitäten, die vergleichbare Erfahrungen patriarchaler Gewalt und sexistischer Diskrimierung teilen.

Im Mittelpunkt unserer queer-feministischen Arbeit steht unser Einsatz für die Sichtbarkeit und Teilhabe aller vom Patriarchat unterdrückten Personen in allen Gesellschaftsbereichen. Das bedeutet auch, Sorgearbeit gerecht zu verteilen und unser Miteinander gemeinschaftlich zu organisieren und zu tragen. Diese Arbeit wird oft unsichbar gemacht und auf Menschen abgewälzt, die weiblich sozialisiert wurden oder so gelesen werden.

Der Begriff FLINTA* hat eine lange historische Entwicklung hinter sich und ist aus Debatten, Neuerungen und der fortwährenden Suche nach Schutzräumen vor dem Patriarchat entstanden. Dieser Lernprozess ist nicht abgeschlossen und wir setzten uns damit auseinander, inwiefern auch diese Buchstaben oft nicht halten, was sie versprechen und Hierarchien reproduzieren, wo Zusammenleben auf Augenhöhe entstehen sollte. Einen kurzen Einblick in wichtige Fragen dazu, findet sich z. B. hier: https://www.siegessaeule.de/magazin/woher-kommt-der-begriff-flinta-und-wie-sinnvoll-ist-er/

Transfeindlichkeit und Queerfeindlichkeit lehnen wir entschieden ab, deshalb verwenden wir den Begriff des Queer-Feminismus. Wir positionieren uns gegen alle Ideologien, die versuchen, trans* Personen aus feministischen Kämpfen auszuschließen und marginalisierte Gruppen wie Sexarbeiter*innen weiter zu diskriminieren.

Fußnote 1: endo-cis = Menschen, deren körperliche Geschlechtsmerkmale eindeutig den medizinischen Normen von männlich oder weiblich zugeordnet werden können + deren Geschlechtsidentität mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde

LGBTQAI+ und Queerness
LGBTQIA+ ist eine Abkürzung der englischen Wörter Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, Intersexual und Asexuell . Es ist also eine Abkürzung für lesbische, schwule, bisexuelle, trans* , queere, intergeschlechtliche und Menschen auf dem aromantischen/asexuellen Spektrum. Das Plus steht für alle weiteren Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen, die nicht explizit genannt werden, wie beispielsweise pansexuelle, nicht-binäre oder polysexuelle Menschen.
Einige Menschen, deren sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität nicht der gesellschaftlich vorgegebenen Heteronormativität entspricht, bezeichnen sich gerne als queer. Durch den Begriff ‚queer‘ kann eine Identifikation stattfinden, ohne dass eine stereotype Rolle eingenommen werden muss. 

LGBTQIA+ Personen sind in unserer Gesellschaft besonders vulnerabel, was sich in struktureller Diskriminierung und ungleichen Zugangschancen zeigt, die Ausgrenzung und Gewalt begünstigen. Queere Menschen sind häufiger Opfer von Gewaltverbrechen und erkranken beispielsweise häufiger an Depression. Wir müssen nicht nur sicherere Räume schaffen und sensibilisierende Arbeit innerhalb der Organisation leisten, sondern auch Diskriminierung konsequent benennen und uns solidarisch für rechtliche, soziale und kulturelle Gleichstellung einsetzen. 

Gendergerechte Sprache und Pronomen
Die Verwendung gendergerechter Sprache ist ein zentraler Bestandteil unserer Praxis. Sie macht verschiedene Identitäten sichtbar und fördert die Gleichbehandlung. Wir stellen Pronomen nicht infage und setzen uns dafür ein, dass Pronomen respektiert werden, um Verletzungen durch das Benutzen falscher Pronomen (‚Misgendern‘) zu vermeiden. Wir setzen uns dafür ein, dass in größeren Runden alle Anwesenden ihre bevorzugten Pronomen nennen, damit keine Einzelpersonen dieses Thema aufbringen müssen.

Sexismus und sexualisierte Gewalt 
Sexismus bezeichnet die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts und gründet im patriarchalen System auf der Vorstellung einer binären Geschlechterordnung. Sexismus ist eine der ältesten und eine zutiefst verankerte Form der Diskriminierung und Teil patriarchaler Kontrolle. Wir erkennen sexualisierte Gewalt als Machtmittel an, das oft genutzt wird, um FLINTA+ Personen zu unterdrücken. 

Sexualisierte Gewalt bezeichnet alle Arten sexueller Handlungen oder Übergriffe, die gegen den Willen einer Person erfolgen oder ohne ihre ausdrückliche Zustimmung ausgeführt werden. Dazu gehört auch das unerwünschte Kommentieren einer Person(‚Cat-Calling‘), die Ablehnung aktiver Sexualität bei FLINTA+-Personen (‚Slut-Shaming‘) und die Abwertung von Personen, deren Körper nicht einem vermeintlichen Ideal entsprechen (‚Body-Shaming‘).

Damit eine betroffene Person von sexualisierter Gewalt sprechen kann, muss kein bestimmter objektiver Schweregrad erreicht sein. Entscheidend ist auch nicht, ob die handelnde Person eine bestimmte Absicht verfolgt oder ob die Tat vorsätzlich geschieht (siehe Definitionsmacht). 

Klassismus 
Klassismus bezeichnet die Abwertung, Benachteiligung oder Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder ökonomischen Lage. Er zeigt sich etwa in Vorurteilen gegenüber armen Menschen, ungleichen Zugangschancen zu Bildung, Wohnen oder Gesundheit. 

Das wird im aktivistischen Kontext z. B. deutlich, wenn bestimmte Menschen durch Sprache, Umgangsformen oder organisatorische Hürden ausgeschlossen werden. Dazu gehören etwa komplizierte Fachbegriffe, Treffen an teuren oder schwer erreichbaren Orten oder die Erwartung, unbezahlte Zeit und Ressourcen selbstverständlich einzubringen. Awareness-Arbeit kann sich hier z. B. in Form von Fahrtkostenfonds, Soli-Essen oder Kinderbetreuung zeigen.

Ableismus und Neurodivergenz

Ableismus beschreibt die Diskriminierung von Menschen, deren Körper, geistiger oder seelischer Zustand im aktuellen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext als beeinträchtigt definiert werden. Diese Problematisierung von Menschen äußert sich in einer Behinderung dieser Menschen durch u.a. gesellschaftlich konstruierte Barrieren. Eine Behinderung kann sichtbar oder unsichtbar sein.

Ableismus reduziert Menschen mit Behinderung auf die Behinderung und diskriminiert diese Menschen basierend auf gesellschaftlich vorherrschenden Normativen und Leistungserwartungen.

Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der Barrierearmut und Inklusion selbstverständlich sind. Um Anerkennung, Teilhabe und eine inklusive Gesellschaft zu erreichen, dürfen Menschen mit Behinderung nicht als zu integrierende Minderheit angesehen werden, sondern als integraler Bestandteil unserer Gesellschaft.

Gleichzeitig fordern wir mehr Sichtbarkeit für neurodivergente Menschen wie beispielsweise Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung oder ADHS sowie für Menschen mit Traumaerfahrungen und daraus resultierenden Folgen. Auch diese Gruppen sind besonders durch konstruierte Machtstrukturen benachteiligt und sollen in unsere Awareness-Arbeit einbezogen werden.

Ageism und Adultismus
In unserer Gesellschaft werden sowohl ältere Menschen („Ageism“) als auch Kinder und Jugendliche („Adultismus“) aufgrund ihres Alters diskriminiert. Wir setzen uns für gleichberechtigte Teilhabe aller Altersgruppen in unseren Strukturen ein und erkennen an, dass Machtstrukturen oft auf der Abwertung bestimmter Lebensphasen beruhen.

Privilegien und Allyship
Ein zentraler Ansatzpunkt unserer Arbeit ist die Sensibilisierung für Privilegien. Allyship bedeutet, dass Menschen, die in einer Machtposition sind, aktiv solidarisch handeln, um marginalisierten Gruppen beizustehen. Dies erfordert eine kritische Reflexion eigener Privilegien, die wir uns gemeinschaftlich getragen als Ortsgruppe in unserem Handeln bewusst machen und insbesondere bei der Planung und Durchführung von Aktionen miteinbeziehen. Es erfordert auch die Bereitschaft, gegen alltägliche Diskriminierungsformen aktiv einzuschreiten. Dazu gehören inbesondere auch Verhaltensweisen wie zum Beispiel ‚Tone Policing‘ (Nicht-Anerkennen von Argumenten, weil die betroffene Person gerade nicht gelassen agiert).

Konsens 

Konsens bedeutet für uns, dass alle beteiligten Personen explizit ihre Zustimmung geben und Handlungen erst nach einem deutlichen „Ja“ vorgenommen werden. Das bezieht sich nicht zwingend auf das Treffen gemeinsamer Entscheidungen, sondern legt den Fokus darauf, wie wir unser Miteinander gestalten wollen.

 4. Ergänzungen und Bitten

Wir bitten alle Personen und Organisationen, sich im Vorfeld mit diesem Konzept vertraut zu machen.

Awareness ist kollektiv!

Einen sichereren Raum schaffen wir nur gemeinsam und jede*r Einzelne von uns ist verantwortlich dafür, dass das gelingt. Sei also achtsam im Umgang mit anderen und bleibe offen, immer weiter über Diskrimierungsformen zu lernen, dich und dein erlerntes Handeln zu hinterfragen und anderen Menschen und ihren Erfahrungen zuzuhören, insbesondere wenn sie weniger Privilegien in dieser Gesellschaft haben als du. 

Awareness ist eine gemeinschaftliche Aufgabe von uns allen. Wir bitten Euch, in Euren Strukturen Werbung für diese Art der Care-Arbeit zu machen. Wir brauchen noch viel mehr Menschen, die Lust darauf haben. 

Grundätzlich gilt für uns: Wir arbeiten im Rahmen unserer eigenen Kapazitäten, immer mit dem Versuch, eine passende Lösung für die betroffene Person zu finden. Es wird Situationen geben, in denen uns das nicht gelingen wird. 

Code of Conduct 

Unsere sozio-kulturellen Veranstaltungen im FreiTraum sollen ein Safer Space sein, an dem wir Spaß haben und uns wohl fühlen. Verhaltet euch entsprechend, nehmt Rücksicht aufeinander und respektiert die Grenzen anderer Menschen!

  • Null Toleranz für Diskriminierung!
  • Auf FreiTraum Veranstaltungen ist kein Platz für jegliche Formen vonRassismus, Antisemitismus, (Cis)-Sexismus, Queerfeindlichkeit, Ableismus, Klassismus oder andere Diskriminierungsformen. Hass, respektloses und übergriffiges Verhalten führen zum Rausschmiss.
  • Only yes means yes!
  • Es gilt das Konsens-Prinzip: Handlungen und Gespräche finden nur in gegenseitigem Einverständnis statt.
  • Die Definitionsmacht liegt immer bei den Betroffenen. Die betroffene Person definiert selbst, wann und welche Form von Gewalt oder Diskriminierung sie erlebt hat. Diese Definition wird ernst und für wahr genommen und nicht in Frage gestellt.
  • Es gilt volle Solidarität mit Betroffenen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich bei der Person, die Deine Grenzen überschreitet, um Gäst*in, Künstler*in etc. des Raums Clubs handelt.
  • Das äußere Erscheinen sagt nichts über die Geschlechtsidentität einer Person aus. Frage daher immer nach den Pronomen.
  • Lasst eure Shirts an!

Wir haben ein Awareness – Team. Das ist in lila Westen unterwegs. Sprecht sie jederzeit an, wenn es euch, egal aus welchem Grund nicht gut geht. Dafür sind sie da!

Habt ihr Fragen dazu, oder etwas, dass ihr uns mitteilen möchtet? Dann schreibt uns gerne: frei_t_raum@riseup.net 

English:

Our FreiTraum events should be a safer space where we have fun and feel comfortable. Behave accordingly, show responsibility for each other and respect other people’s boundaries!

  • Zero tolerance for discrimination! There is no room for any form of racism, antisemitism, (cis)-sexism, queerphobia, ableism, classism or other forms of discrimination at FreiTraum events. Hate, disrespectful and abusive behavior will lead to expulsion.
  • Only yes means yes! The principle of consent applies: actions and conversations only take place by mutual agreement.
  • The power of definition always lies with the person affected. The person affected defines for themselves when and what form of violence or discrimination they have experienced. This definition istaken seriously and is not questioned.
  • There is full solidarity with those affected. It does not matter whether the person crossing your boundaries is a guest, artist etc. of the event.
  • Appearance says nothing about a person’s gender identity. Therefore, always ask for pronouns.
  • Keep your shirts on!

We have an awareness team. They are out and about on the grounds in purple vests. Talk to them at any time if you’re not feeling well, for whatever reason. That’s what they’re there for! Do you have any questions or something you would like to tell us?

Then please write to us: frei_t_raum@riseup.net